Anonym gegen den Partnerfrust

Busenfreunde erhalten Konkurrenz. Viele Menschen weinen sich stattdessen bei Beziehungsberatern online aus.

Seit Monaten gab es keinen Sex mehr. Nachdem Anja mit ihrem Partner Thomas eine gemeinsame Wohnung bezogen hatte, war tote Hose. In ihrer Verzweiflung wandten sich die beiden Berliner an einen Beziehungsberater – online. So bekamen sie die Probleme in den Griff. Auch viele andere krisengebeutelte Paare wählen diesen Weg. „Derzeit gibt es in Deutschland etwa eine Hand voll digitale Paarberatungen, die sich steigender Klick-Rates erfreuen“, weiß Christa Schaffmann, Sprecherin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Ihre Erklärung: Partnerschaftsprobleme werden immer häufiger thematisiert, Partner kämpfen wieder stärker um ihre Beziehung. „Von 230 000 Beratungen, die der Deutsche Arbeitskreis für Jugend-, Ehe- und Familienberatung im vergangenen Jahr durchführte, drehte sich ein Drittel um Beziehungen“, erklärt Notker Klann, Geschäftsführer der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Beratung in Bonn. Und während 1993 nur 27 Prozent der Beratungen Beziehungsfrust behandelten, waren es im vergangenen Jahr bereits 32 Prozent. „Bis zu 50 Prozent der Betroffenen können durch Therapie ihre Beziehung retten“, sagt Kurt Hahlweg, Psychologieprofessor an der Technischen Universität Braunschweig.

Die Anonymität des Web erleichtert Ratsuchenden Bekenntnisse, hat Cordula Eisenbach-Heck beobachtet. Die Leiterin der Konstanzer Koordinationsstelle des Pilotprojekts „Telefonseelsorge im Internet“ hält „das Netz für eine Fortführung des Telefons. Daher ist das virtuelle Angebot der Beratungsstelle eine logische Konsequenz.“ 5100 E-Mails und 305 Chats von durchschnittlich 45 Minuten bearbeitete ihr 90-köpfiges Team im vergangenen Jahr, doppelt so viele wie im Vorjahr. Vorrangige Themen: Partnerschaftsprobleme – Trennung, Liebeskummer, Langeweile, Sexualität oder Fremdgehen. Knapp 70 Prozent der Nutzer sind Personen unter 30 Jahren – davon 62 Prozent Frauen und 36 Prozent Männer. Bleibt ein anonymer Rest von zwei Prozent: „Die Hilfesuchenden sind sehr vorsichtig. Bei der ersten E-Mail geben sogar über zehn Prozent weder Geschlecht noch Alter bekannt“, weiß die Koordinatorin.

Diese Zurückhaltung kennt Friedhelm Schwiderski, Vorsitzender des Arbeitskreises Paar- und Psychotherapie in Pinneberg bei Hamburg, denn auch er bekommt häufig elektronische Hilferufe. „Wenn Menschen total unter Druck sind, wenden sie sich an uns. Wie ein 40-jähriger Mann, der herausfand, dass seine Frau einem ehemaligen Häftling aus Hörigkeit Haus und Geschäft überschreiben wollte“, erläutert Schwiderski. Die E-Mails, die über www. paartherapie.de bei ihm eintreffen, beantwortet er meist noch am selben Tag.

Dieser Beitrag wurde Erstveröffentlicht auf der Website www.focus.de von Christine Koller.

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Über die Autorin

Christine Koller ist FOCUS-Online-Autorin.

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